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OZON UNTERWEGS
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Mo 30.01.12 22:15

Unwetterchronik eines Berliner Pfarrers

Karl Ludwig Gronau (1742 - 1826) war ein evangelischer Pfarrer und Meteorologe. Er gilt als Begründer der wissenschaftlichen Wetterbeobachtung in Berlin.

Seine über 70-jährigen Aufzeichnungen beschreiben die Jahre der Regierungszeit von Friedrich II. zwischen 1740 und 1786 als Epoche großer Naturkatastrophen, Epidemien und Hungersnöte. Ausgelöst durch Kälte und ferne Vulkanausbrüche. Diese Ereignisse beeinflussten die Geschichte mehr als bekannt.

Manuskript:

Im 18. Jahrhundert dauern viele Winter von Mitte November bis Ende April. Auf den Feldern kann nicht genug wachsen. Im Krönungsjahr Friedrich II 1740, gibt es in Berlin noch am 13. Juni Frost. Der kälteste Winter seit dreihundert Jahren.

Holländische Gemälde zeigen schon hundert Jahre früher, wie es ist, wenn Flüsse bis zum Grund gefrieren. Für 1740 wird gemeldet:

„Vielen Menschen in der Mark sind die Nasenlöcher zugefroren“, „in der Kirche erstarrt der Wein für die Kommunion“.

Notiert hat dies der Berliner Pfarrer Karl Ludwig Gronau. Er sammelt 70 Jahre lang Daten zum Wetter, wird der erste Klimahistoriker unserer Region. Seine „Beobachtungen über die Witterung der Mark Brandenburg“ sind die wichtigste Informationsquelle über Wetter- und Hungerkatastrophen in der Zeit Friedrich des Großen. Der weist in diesem Winter seines ersten Regierungsjahres an:

„in Berlin so viel Stuben zu miethen, dass sich darin Eintausend arme Frauen und Kinder aufhalten können.“

Er lässt Brennholz verteilen und nach weiteren getreidearmen Hungerjahren auch erste Kartoffeln.

O-Ton Rüdiger Glaser:
Universität Freiburg
„Die Menschen litten Not. Das muss man sich ja auch immer als Ernährungskrise vorstellen, solche Einzelereignisse, solche Extremjahre und das hat dazu geführt, dass dann Menschen zum Beispiel Brennholz gestohlen haben und dafür sehr rigide bestraft wurden. Man schuf Eisbahnen, man hatte die Möglichkeit an die Wachen wollene Strümpfe auszugeben. Also ein ganz pittoreskes breites Bild des Katastrophenmanagements erschließt sich im Extremjahr 1739/40 und dieser extremen Kälte."

Zum Katastrophenmanagement in Preußen zählt auch die Kriegführung im Winter. Der 1. Schlesische Krieg beginnt Mitte Dezember. In der Schlacht von Mollwitz überrascht Friedrich den Gegner, als er seine Truppen mitten in einem Schneesturm aufs Schlachtfeld führt. 1745 müssen die Österreicher fünf Nächte im Schnee kampieren. Viele sterben vor Kälte, noch mehr desertieren, Friedrich triumphiert.

Die Parchochialkirche in Berlin. Hier wirkte Karl Ludwig Gronau über 50 Jahre lang. 1742, als Sohn eines evangelisch-reformierten Pfarrers geboren, ist von frühen Jugendtagen an vom Wetter fasziniert. Im Alter von 14. Jahren beginnt er sein Wettertagebuch. In dieser „Unwetterchronik“ werden alle Faktoren vermerkt, deren er aus alten Zeitungen und Kalendern habhaft werden kann. Ab 1774 misst er mehrmals täglich Luftdruck und die Temperatur nach Fahrenheit. Eine Datensammlung entsteht, aus der sich das Klima rekonstruieren lässt. Es ist der Beginn der wissenschaftlichen Wetterbeobachtung in Berlin.

O-Ton Rüdiger Glaser:
Universität Freiburg
„Wir hatten in den Bereichen Nord- und Ostdeutschlands, also auch in Brandenburg-Preußen, eine in der Regel um zehn bis vierzehn Tage kürzere Vegetationsperiode. Dazu kommt, dass man in der Zeit auch von etwas feuchteren Bedingungen ausgehen kann, in die allerdings auch wieder mehrere trockene, feuchte aber auch warme und kalte Einzeljahre eingestreut waren.“

Nach kühlen Jahren folgen außergewöhnlich milde Winter. 1756 blühen die ersten Blumen bereits Ende Januar. Der Juli darauf ist der heißeste Monat, der jemals vorgekommen sein soll. Im August gibt es Starkregen und Hagelsturm. 1765 - noch einmal extremer Niederschlag. Äcker werden hinweggespült, immer wieder toben heftige Gewitter.

Erdbeben führen zu einem Katastrophendiskurs, bevor eine Serie von Vulkanausbrüchen ganz Europa in Atem hält. 1783 brechen zeitgleich Vulkane in Italien und Island aus. Am 8. Juni öffnet sich die Laki-Spalte, etwa 130 Vulkane werden freigelegt. Als im August in Japan der Asama-Yama Feuer speit, ist das Katastrophenszenario perfekt. Durch die Eruptionen gelangen gewaltige Mengen schwefelhaltiger Luft nach Mitteleuropa. Dieser „Heer- oder Höhenrauch“ trübt den Himmel – auch über Berlin. Ein Ereignis, das bei Gronau wie auf Gemälden festgehalten ist:

„Eine außerordentliche Erscheinung war der bis zum Ende des Monats fast täglich bemerkte Nebel. Die ganze Luft war mit einem rötlichem Dunste erfüllt, der oft auch einen schwefelichten Geruch verspüren ließ.“

Die Aschpartikel verursachen 1784 einen Winter, der noch katastrophaler ist als 1740. Eisgang und plötzliches Hochwasser führen deutschlandweit zum Einsturz fast aller Brücken. Gronau beobachtet in dieser Zeit auch Gewitter, die sehr häufig und heftig sind. Selten blieb in Berlin ein Jahr ohne Brände und Opfer von Blitzeinschlag.

Ein Bericht von Thomas Claus.

Dieser Text gibt den Sachstand vom 30.01.2012 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

Infos im WWW

Mehrbändiges Werk - Versuch einiger Beobachtungen über die Witterung der Mark Brandenburg, besonders in der Gegend um Berlin

von Karl Ludwig Gronau
Erscheinungsjahr 1794
Digitale Fassung zum Blättern:

digital.staatsbibliothek-berlin.de

Klimageschichte Mitteleuropas

1200 Jahre Wetter, Klima, Katastrophen
von Rüdiger Glaser
ISBN: 978-3-89678-604-3

www.primusverlag.de

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.rbb-online.de/ozon/archiv/ozon_unterwegs_am13/unwetterchronik_eines.html

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